Eine Reise zu den höchsten Punkten Südostasiens und Ozeaniens
Die Suche nach dem Horizont
Manchmal sucht man nicht einfach nur einen Berg – man sucht das Ende der Welt. Oder besser gesagt: den Punkt, von dem aus man ganz weit hinausschauen kann, über Ländergrenzen und Ozeane hinweg. Meine Reise führte mich durch die fernsten Ecken des pazifischen Raums, zu fünf Ländern und ihren höchsten Erhebungen – jedes ein eigenes Abenteuer, jede Landschaft eine eigene Welt.
Palau – wo die Uhren langsamer ticken
Auf Palau scheint die Zeit einen anderen Takt anzuschlagen. Kein Wunder – mit kaum 18.000 Menschen, verteilt auf gerade einmal elf der insgesamt 356 Inseln, ist hier das Leben noch weitgehend unbeeinträchtigt vom Rauschen der modernen Zivilisation. Man wird überall mit einer aufrichtigen Fröhlichkeit begrüßt, als wäre man längst erwartet worden.
Mein Ziel war der Mount Ngerchelchuus – mit 242 Metern über dem Meeresspiegel vielleicht der bescheidenste aller meiner Gipfel. Ein Inselparadies mitten im Pazifik, dessen höchster Punkt nur knapp aus dem Wasser ragt. Bei strahlendem Wetter soll man von dort nahezu die gesamte Insel überblicken können.
Leider hatte ich Pech mit dem Wetter. Es regnete in Strömen, und mein Weg war gesäumt von riesigen Kröten, denen ich mit größter Vorsicht auswich – nicht um sie zu verletzen, sondern um selbst nicht in den tiefen Pfützen zu versinken. Doch genau diese unerwarteten Bedingungen machten den Start auf dieser pazifischen Insel besonders. Manchmal lernt man einen Ort gerade durch seine Unzulänglichkeiten besser kennen.


Philippinen – vulkanische Kraft am Mount Apo
Weiter ging es auf die Philippinen, südlich bis nach Davao. Hier erhebt sich der Mount Apo mit knapp 3.000 Metern majestätisch über die Landschaft. Für diese Tour waren zwei Tage eingeplant, inklusive einer Übernachtung unterhalb der Baumgrenze.
Zunächst schlängelten sich rutschige Dschungelpfade durch dichten Regenwald. Je höher wir kamen, desto offener wurde das Gelände – steinig, karg, aber nicht minder beeindruckend. Plötzlich empfing uns der Geruch nach faulen Eiern: Fumarolen zeigten die gegenwärtige Aktivität dieses Vulkans. Kurz vor dem Gipfel erwartete mich ein wunderschöner Kratersee, dessen Stille in starkem Kontrast zu der vulkanischen Kraft stand, die unter unseren Füßen pulsierte.
Gemeinsam mit meinem Highpointer-Kollegen Bill Hughes aus England bewältigten wir die letzten 1.300 Höhenmeter bis zum Gipfel in nur einem Tag. Wir hatten Glück – das Wetter blieb am Nachmittag stabil. Normalerweise regnet es hier in Strömen, doch an diesem Tag schien die Sonne uns den Gipfel zu gönnen. Der windige Ausblick entschädigte für alle Mühen.


Osttimor – Ursprünglichkeit ohne Kompromisse
Osttimor war wie ein Sprung in eine andere Welt. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher – und genau das macht diesen Ort so besonders. Es gibt keine schrillen Hoteltempel, keine großen Einkaufszentren. Stattdessen erlebt man Ursprünglichkeit und ehrliche Gastfreundschaft. Das hat mich sofort beeindruckt.
Bereits für die Hauptstraße war teilweise ein Geländefahrzeug nötig. Spätestens auf den letzten 20 Kilometern bis zum Ausgangspunkt des Ramelau brauchte es jedoch nicht nur ein geeignetes Fahrzeug, sondern auch entsprechendes fahrerisches Können. Die engen Bergstraßen waren teilweise stark unterspült und verlangten höchste Konzentration.
Wir fuhren bis zum Fuße des Ramelau, eines heiligen Berges, auf dessen Gipfel eine Marienstatue steht. Mit knapp 3.000 Metern Höhe war dies eine äußerst lohnende Wanderung. Die Straße war zwar fast unpassierbar, doch dafür erwartete uns am Fuß des Berges ein angenehmer, mit Betonstufen angelegter Weg, der sicher bis zum Gipfel führte.
Die Aussicht dort oben ließ mich verstummen. In der Ferne sieht man das Meer. Es fühlt sich beinahe an wie in den Alpen, denn auch die Temperaturen lassen nichts zu wünschen übrig. Bei angenehmen 15 Grad ließ es sich hier hervorragend aushalten.


Papua-Neuguinea – Wildnis jenseits der Zivilisation
Papua-Neuguinea ist etwas ganz Besonderes. Ab hier war ich ohne meinen Kollegen Bill unterwegs. Zunächst muss man in die Hauptstadt Port Moresby gelangen. Danach gibt es im Landesinneren nur wenige Straßen, weshalb man praktisch gezwungen ist, einen Inlandsflug nach Mount Hagen zu nehmen.
Hier sind die deutschen Wurzeln noch deutlich erkennbar. Viele Namen erinnern an die Zeit der deutschen Entdecker und Kolonialverwaltung. Infrastruktur gibt es nur wenig, und die letzten Besorgungen wurden im einzigen Supermarkt der gesamten Region erledigt. Rund siebzig Prozent der Bevölkerung leben von Subsistenzwirtschaft, nur ein kleiner Teil geht einer klassischen Erwerbstätigkeit nach.
Die „Hauptstraße“ fühlte sich eher wie eine Dauerbaustelle an und brachte mich in fünf Stunden an den Fuß des Berges. Kilometer waren es nicht viele, dafür unzählige Schlaglöcher und entsprechend viel Geholper. Danach musste ich auf einen Jeep umsteigen, der mich in weiteren zwei Stunden über eine der schlechtesten Straßen, die ich je gesehen habe, zum Ausgangspunkt der Wanderung auf den Mount Wilhelm brachte.
Ich übernachtete in der JJ Lodge und brach am nächsten Morgen früh auf. 1.800 Höhenmeter bis auf den 4.509 Meter hohen Mount Wilhelm an einem Tag – das war eine echte Herausforderung. Man durchquert unterschiedlichste Vegetationsstufen, vom tropischen Dschungel bis in den hochalpinen Bereich, wo es am Gipfel sogar einige Kletterstellen zu bewältigen gab. Anschließend ging es zurück ins Basecamp, das wunderschön an einem Bergsee auf 3.600 Metern liegt.
Obwohl man sich hier mitten in den Tropen befindet, sind diese Seen Zeugen einer urtümlichen Vergletscherung. Die Landschaft besticht durch ihre Wildheit und Naturbelassenheit. Zahlreiche Vogelarten, darunter auch der berühmte Paradiesvogel, lassen sich beobachten. Orchideen säumen den Weg, und ein landschaftliches Kleinod folgt auf das nächste.
Dies ist eines der speziellsten Länder, die ich jemals bereist habe. So viel Ursprünglichkeit, so viel Natur und so wenig menschlichen Einfluss habe ich auf meinen Reisen zu den Länderhöhenpunkten nur selten erlebt. Dieses Land kann ich jedem empfehlen – allerdings sollte man sich unbedingt in die Hände eines lokalen Führers begeben.






Australien – Winter Down Under
Im Zuge dieser Reise konnte ich auch den höchsten Berg Australiens besteigen – den Mount Kosciuszko mit seinen etwas mehr als 2.000 Metern Höhe. Er präsentierte sich allerdings im Winterkleid, was die Besteigungsbedingungen entsprechend anspruchsvoll machte.
Obwohl der Berg vergleichsweise niedrig ist, bereiteten mir Wind, Kälte und Schnee einige Schwierigkeiten. Es hatte schon seinen Grund, warum an diesem Tag niemand unterwegs war und mich nahezu jeder vor einer Besteigung gewarnt hatte.
Letztlich ging alles gut. Nach dieser Erfahrung kann ich mir aber sehr gut vorstellen, wie Menschen auf diesem Berg in Bergnot geraten können. Dennoch war es ein besonderes Erlebnis, die typische australische Landschaft im Schnee zu sehen – und dabei sogar das eine oder andere Känguru durch den Schnee hoppeln zu beobachten.

Was bleibt
Fünf Länder. Fünf höchste Punkte. Fünf vollkommen verschiedene Welten. Von den friedlichen Inseln Palaus über die vulkanische Kraft der Philippinen, die ursprüngliche Gastfreundschaft Osttimors und die urtümliche Wildnis Papua-Neuguineas bis hin zum winterlichen Australien.
Jeder Gipfel hat seine eigene Geschichte, jede Reise ihre eigenen Lektionen. Am meisten beeindruckt hat mich die Tatsache, dass trotz aller geografischen und kulturellen Unterschiede etwas Verbindendes bleibt: Menschen, die ihren Bergen mit Respekt begegnen – und Berge, die ihrerseits jeden Besucher verändern.
Manchmal frage ich mich selbst, warum ich solche Strapazen auf mich nehme. Denn Strapazen gibt es genug: den ständigen Jetlag, die drückende Hitze, das viele Getier, die langen Anreisen. Unten schwitzt man, oben braucht man eine Daunenjacke. Dazu kommt ungewohntes Essen, das die Verdauung gelegentlich durcheinanderbringt.
Aber am Ende sind es die Momente, die bleiben. Die Begegnungen mit Menschen – und ganz besonders jene am Berg. Dort konzentriert sich vieles auf das Wesentliche. Man kommt ins Gespräch, tauscht Erfahrungen aus und hat Zeit für einen ersten Diskurs. Genau diese Begegnungen machen viele meiner Reisen so besonders.
Und vielleicht ist das auch die Antwort auf die Frage, warum ich immer wieder aufbreche.

Schreibe einen Kommentar